Urwüchsiger Wald

Inmitten von Baumgiganten…

Keine Orte, keine größere Straße, keine Stromtrasse, keine Felder. Nichts als Wald. So urwüchsig, dass sogar die scheue Wildkatze hier umherstreicht.

 

Der Nationalpark Hainich ist von weltweiter Bedeutung. Er schützt seit 1997 einen der letzten großen Buchenwälder Europas auf Kalkgestein in Mittelgebirgslage – und in seinem Innersten ein Stück Weltnaturerbe mit sehr alten Buchen, einen angehenden Urwald. Die Natur darf sich hier nach ihren eigenen Regeln, frei von menschlichen Eingriffen entwickeln. Der Hainich bietet ein Naturschauspiel der besonderen Art. Prächtige Laubbäume drängen ans Licht, während andere verrotten. Seltene Tiere ziehen ihre Jungen groß. Orchideen wachsen im Schatten dichter Baumkronen.

 

Überall sonst dominieren Fichten und Kiefern den europäisch-kultivierten Wald. Anders im Hainich-Urwald, dem größten deutschen Laubbaum-Nationalpark. Bei nur 3 Prozent Nadelwald konkurrieren hier mehr als dreißig Laubbaumarten um einen Platz an der Sonne. Am erfolgreichsten die Rotbuche. Ihr glatter, kraftvoller Stamm trägt eine ausladende Krone. Unter dem dichten Dach grünt wenig im sommerlichen Wald.

 

Im Herbst, wenn der Hainich in allen Gold-Gelb- Rot-Braun- Tönen der Welt erstrahlt, tauscht die Rotbuche für kurze Zeit ihr grünes gegen ein dunkelrotes Kleid. Bis 40 Meter hoch und 400 Jahre alt wird diese typische Europäerin. Übrigens: Von länglichen Strichen, in Buchenholztäfelchen geritzt, stammen unsere Buchstaben ab. Mehrere Täfelchen zusammengelegt bildeten schon lange vor dem Papier ein hölzernes Buch.

 

Nach dem Tod eines der Buchen-Baumgiganten durch Sturm oder Altersschwäche klafft plötzlich eine Lücke, in der neben seinen gemächlich-kräftigen Nachkommen schnellwüchsige Eschen in die Höhe schießen. Nicht immer mit durchschlagendem Erfolg. Nur in feuchteren Gebieten setzen sich Esche und Schwarzerle gegen die sonst dominante Schöne durch. Bergahorn, Stiel- und Traubeneiche, Bergulme, Spitzahorn und die anderswo selten so zahlreich und üppig wachsende Elsbeere teilen sich hinter der Esche die Plätze im Wettlauf um das kostbare Licht.

 

Bis zu 45 Meter hoch und 200 Jahre alt wird die stärkste Buchen-Konkurrentin im Hainich. Die charakteristisch gefiederten Blätter lassen die Esche leicht erkennen. Die Schöpfungsgeschichte der germanischen Mythologie rankt sich um die Esche. Ask/Esche bedeutet „erster Mann“ und gab den Wikingern ihren ursprünglichen Namen: Aschemanen.

 

Morbider Charme von modrigen Baumkadavern, verkeilter Windbruch, zersplitterte Baumstrünke, wucherndes Moos, schillernde Baumpilze – das Bild des Urwalds bestimmen tote Bäume. Doch Totholz ist nur scheintot. Es ist Kinderstube und Alterssitz, Arbeitsplatz und Speisekammer, Konzertsaal und Brautschau-Laufsteg. Stehend oder liegend, dick oder dünn, frisch umgestürzt oder verrottet – tote Bäume stecken voller Leben.

 

Die Natur hat Zeit. Ein Baum wächst, blüht, streut Samen – jedes Jahr aufs Neue. Bis er stirbt. Das kann Jahre dauern, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Doch die Wiedergeburt ist gewiss – Pilze, Moose, Flechten, Käfer, Ameisen, Spechte und andere leben in und von ihm. Formen und Stadien von Totholz sind vielfältig wie die Lebensgemeinschaften, die es besiedeln. Insekten und Höhlenbrüter machen es sich im morschen Holz gemütlich. Säugetieren sind Baumhöhlen und Wurzelteller umgestürzter Bäume willkommenes Zuhause.

 

Ein Heer von Holzfressern zerstückelt die sterbenden Bäume und spaltet sie für Mikroorganismen auf. Die wiederum zerlegen das Holz in seine Ausgangsstoffe. Aus den freigesetzten Mineralien schöpfen die nachgeborenen Pflanzen Nahrung.  Der Anteil an Totholz verrät viel über die Ursprünglichkeit eines Waldes. Genauso wie die Vielfalt seiner Strukturen. Dichter Wald und helle Lichtung, Dornengestrüpp und sumpfige Tümpel, Baumkronen und Unterholz – zahlreiche Strukturen bedeuten zahlreiche Lebensformen.

 

Je reicher der Wald an unterschiedlichen Strukturen, desto größer die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, die ihn bevölkern. Hier finden sich neben weit verbreiteten viele gefährdete und seltene Arten. Anspruchsvolle Waldbewohner wie Wildkatze und Bechsteinfledermaus haben ideale Lebensbedingungen.

 

Doch auch ein Urwald wuchert nicht gesetzlos. Wohl verteilt sind die Flächen mit Bäumen verschiedener Altersphasen – Tod und Geburt finden nicht überall gleichzeitig statt. Wenn im Nationalpark durch Windbruch oder Schädlingsbefall eine Lücke klafft, schießen Pionierbäume in die Höhe – bis meist die Buche sie in die Schranken weist.

 

Nicht weniger strukturreich und prominent besiedelt sind andere Lebensräume des Nationalparks. Nur etwas mehr als die Hälfte präsentiert sich als wilder Urwald mit imposanten Baumriesen und skurrilen Totholz-Gebilden. Der Nationalpark Hainich ist ein Mosaik mit fließenden Übergängen – zwei Drittel Wald, ein Drittel Offenlebensraum, z. T. mit Sträuchern, Hecken und ersten Bäumen. Den Magerrasen der Randgebiete durchsetzen Gebüsche und Kleingewässer. Großflächige Verbuschungen gehen über in arten- und strukturreichen Laubwald.

„Der Wald muß in uns wirken, damit wir wieder zu uns finden.“ (Erich Hornsmann)

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