Forschung zum Waldbaden
Shinrin Yoku wissenschaftlich erklärt
Waldbaden – esoterisches Bäume-Umarmen oder fundierte Therapie-Methode? Es gibt erste wissenschaftliche Studien, die die Wirksamkeit von Shinrin Yoku nahelegen. Pionier in der Waldbaden-Forschung ist Japan.
Das moderne, digitalisierte Leben und Arbeiten stellt die Menschen vor bis dato ungekannte Herausforderungen. Wir sind immer online und werden mit Informationen geflutet. Bis zum Jahr 2050 werden laut WHO-Prognosen rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben.
Nur wenige schaffen es, sich diesem Sog regelmäßig zu entziehen und abzuschalten. Die Zunahme stressbedingter Erkrankungen ist die Folge. So verursacht die dauerhafte Reizüberflutung nicht nur psychische Erkrankungen wie Depression und Burn-out, sondern auch körperliche Stressfolgen wie Bluthochdruck, Diabetes und Schlafstörungen nehmen zu.
Warum ist das so?
Leben ohne Natur kann krank machen
Verschiedene Wissenschaftler belegten bereits Ende der 1980er, dass das Leben in einer künstlichen Welt, ohne jeglichen Naturkontakt, psychische Erkrankungen fördert. Seitdem sind mehr als 50 internationale Studien zu dem Ergebnis gekommen, dass bereits kurze Aufenthalte in der Natur bzw. im Wald positive Effekte auf den Körper haben.
Vor rund 7 Millionen Jahren lebten unsere ersten aufrecht gehenden Vorfahren auf der Erde. Evolutionär betrachtet, hat die Menschheit also rund 99,9 Prozent der bisherigen Existenz in naturnahen Lebensräumen verbracht. Ergo: Auch Menschen sind für die Natur gemacht. Sie vergessen es in ihren modernen Lebensumfeldern jedoch zunehmend.
Verschiedene Wissenschaftler haben Hypothesen zur Erklärung der Naturverbundenheit und der positiven Wirkung der Natur auf den Menschen entwickelt. Diese bilden auch die Grundannahmen bei der Erklärung der Wirksamkeit von Waldbaden.
Die Biophilia-Hypothese
Der Begriff „Biophilia“ als Liebe der Menschen zur Natur wurde bereits von dem Philosophen und Psychologen Erich Fromm geprägt. Edward O. Wilson griff diesen 1984 auf und formulierte die sogenannte Biophilia-Hypothese, die gerne zur Erklärung der Naturverbundenheit der Menschen genutzt wird.
Laut der Biophilia-Hypothese ist es ein menschliches Grundbedürfnis, in Verbindung mit der Natur zu sein, da er tief in dieser verwurzelt ist. Der Mensch ist Teil der Natur und folgt prinzipiell denselben Wirkmechanismen wie Pflanzen und Tiere. Und dies ist auch der Grund, warum Naturerlebnisse gerade Menschen im heutigen Digitalzeitalter, das fern jeglicher Natürlichkeit ist, so positiv wirken.
Die Ästhetik-Affekt-Theorie
Der Mensch wird bis heute mehr oder weniger bewusst von natürlichen Reflexen gesteuert. Unser „Reptiliengehirn“, das sogenannte limbische System, steuert unsere Gefühle, reagiert blitzschnell auf äußere Reize und entscheidet, ob Flucht oder Entspannung der richtige Weg ist.
In der frühen Existenzphase des Menschen waren die natürlichen Reize Gefahren, wie wilde Tiere oder Unwetter. In der modernen Lebenswelt lösen künstliche Faktoren wie Lärm oder Termindruck Stress aus.
Dass positive Naturreize eine entspannende Wirkung auf moderne Menschen haben, ist also evolutionär bedingt. Roger Ulrich Roberts hat die Wirkung von Natur auf Schmerzpatienten untersucht und im Zuge dessen die „Ästhetik-Affekt-Theorie“ aufgestellt.
Roberts ermittelte verschiedene Natur-Reize, die dem limbischen System melden: „Jetzt ist es in Ordnung, zu entspannen.“
Diese Naturreize wirken beruhigend:
- Vogelgezwitscher
- Plätschern eines Baches
- Rauschen des Baumlaubs
- Nahrhafte Beerenhecken und Blütenpflanzen
- Bäume als Schutzraum und Schattenspender
- Gut zu überschauende Wiesen mit Büschen und Bäumen
Die Natur kann also Menschen über alle Sinne positiv beeinflussen, da das menschliche Gehirn auf Naturreize ausgelegt ist. Jedoch fällt es dem modernen Menschen immer schwerer, die positiven Naturreize bewusst wahrzunehmen und die negativen auszublenden.
Wirksamkeit von Waldbaden wissenschaftlich erklärt
Bereits seit den 1980er Jahren wird Waldbaden in Japan wissenschaftlich erforscht. Beim „Shinrin-Yoku“ – also dem Eintauchen in die Waldatmosphäre, geht es darum, die positiven Einflüsse des Waldes für die Gesundheit zu nutzen. Und diese Wirksamkeit wird in Japan seit 2012 in einem eigenen Forschungszweig „Waldmedizin“ untersucht.
Der bekannteste Vertreter der japanischen Waldbaden-Forschung ist Prof. Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio. Er ist Präsident der japanischen Gesellschaft für Waldmedizin und hat zahlreiche Studien zu den Auswirkungen von Waldbaden durchgeführt.
Terpene im Wald beeinflussen Gesundheit positiv
Verschiedene Studien, allen voran die von Prof. Qing Li, wiesen die stressreduzierende Wirkung von Waldbaden nach. Hierbei wurden physiologische Parameter, wie Herzschlagvariabilität, Blutdruckwerte, Anzahl und Aktivität der Immunzellen sowie Stresshormone gemessen. Viele Forschungsprojekte zeigten, dass ein langer Aufenthalt insbesondere in naturbelassenen Wäldern viele positive Effekte auf die Probanden hatte.
Effekte eines Waldbades nach der Shinrin-Yoku-Methode:
- Senkung des Blutdrucks
- Reduktion von Stress
- Förderung der Gesundheit des Herz-Kreislauf- und des Stoffwechselsystems
- Senkung des Blutzuckerspiegels
- Erhöhung der Schmerzschwelle
- Zunahme der natürlichen Killerzellen
- Hilfe bei Gewichtsreduktion
- Verbesserung von Energie und Tatkraft
- Zunahme Konzentration und Gedächtnisleistung
- Linderung von Depressionen
Verantwortlich für diese Effekte sind, neben positiven Naturreizen, die sogenannten Terpene. Diese Pflanzenduftstoffe werden auf eine bisher nicht detailliert erforschte Weise vom menschlichen Organismus aufgenommen und positiv genutzt.
Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Florianne Koechlin hat mehr als 2.000 verschiedene Duftstoffe in der Waldluft nachweisen können. Bäume schützen sich mit Terpenen in erster Linie vor Schädlingen oder locken Nützlinge an.
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